Finanzierung von Online Games

Matthias Treptow – Senior Corporate Finance Advisor

Die Spieleindustrie ist in Deutschland zu einem ernstzunehmenden Wirtschaftsfaktor geworden. Unter anderem wurde dies unterlegt durch aktuelle Studien der Deutschen Bank Research beziehungsweise Bitkom.
Der Markt wächst sowohl horizontal (immer mehr Leute spielen) als auch vertikal (neue Zielgruppen der Gamesindustrie sind Frauen, Senioren, Schüler, Kinder, Familien). Längst muss man sich vom Bild des pickligen Einzelspielers, der im Keller seines Elternhauses Baller-Spiele zockt, verabschieden.
Neben der klassischen Gamesentwicklung für PC, Konsole oder Handheld beschäftigen sich seit den letzten drei Jahren verstärkt Firmen mit der Entwicklung und dem Publishing sogenannter Online- oder Browsergames.

Obwohl in Deutschland auch durch gute Ausbildung der Kreativen (zum Beispiel Games Academy, MDH Berlin) ein enormes Potenzial besteht, die Marktnachfrage nach neuem Content zu befriedigen, scheitert die Entwicklung neuer Spieleideen oft am Thema Vorfinanzierung zur Umsetzung des eigentlichen Spiels.

Dieser Artikel wirft einen Blick auf typische Problemstellungen bei der Finanzierung im Games-Bereich und zeigt mögliche Lösungswege sowohl für junge als auch für etablierte Entwickler/Publisher auf. Er lässt sich sowohl auf die Entwicklung von Spielen anwenden, die über den klassischen Einzelhandel vertrieben werden, als auch online-basierte Entwicklungsprojekte.

Finanzbedarf und Kosten

Der Finanzbedarf zur Entwicklung eines Computerspiels schwankt extrem und ist im Wesentlichen von der Ausrichtung des Spiels (Qualität, Plattform, Art des Spiels) abhängig. Kleinstproduktionen können bereits für ein Budget um die 50.000,- € realisiert werden, Triple-A Produktionen wie beispielsweise Crysis erreichen Budgetgrößen von bis zu 20 Millionen €. Auch die Entwicklungszeit variiert stark. Während kleinere Produktionen in drei bis vier Monaten realisiert werden können, beträgt die Entwicklungszeit bei einem Top-Titel bis zu drei Jahren. Kosten, die vom Entwickler vorfinanziert werden müssen, sind Prototypenentwicklung, Entwicklungskosten (GameDesign, Grafik, Scripting, Programmierung), Sprachaufnahmen, Musik, Sound, Qualitätsmanagement, Marketing.

Typische Problemstellung aus Sicht eines Investors

Investoren – egal ob Privatperson, Bank, Distributor oder Venture Capitalist – sind vor allem auf der Suche nach: Sicherheit. Dabei ist jedem Investor klar, dass er im Rahmen einer Games-Finanzierung nicht die Sicherheit eines Bundesschatzbriefes erreichen kann. Trotzdem schaut er insbesondere auf folgende Faktoren, die sein Sicherheitsgefühl deutlich anheben können:

1. Track Record
Entwickelt das Team sein erstes Spiel oder hat es bereits mehrere Produktionen on time and budget geliefert? Gab es gute Abverkaufszahlen und Erfolge der Produktionen am Markt? Wie viele User konnten für ein Online Game begeistert werden, wie viele davon waren bereit, für Abos oder Items Geld auszugeben?

2. Bonität
Dieser Faktor ist insbesondere für Banken in der Finanzierung ausschlaggebend. Diese bewerten Unternehmen mittlerweile nach Standardkriterien (Basel II). Das Rating entscheidet zum einen über die Vergabe des Kredits, zum anderen auch über die Konditionen (Zins, Tilgung).
Wichtigster Baustein für das Rating sind die Jahresabschlüsse des Unternehmens sowie die mittelfristige Planung (für die kommenden drei Jahre).

3. Management und Organisation
Sind die Geschäftsführer des Entwicklers in der Lage, das Unternehmen nach betriebswirtschaftlichen Standards sauber zu führen und haben sie die Prozesse (betriebswirtschaftlich und gamesspezifisch) im Griff? Stichwörter sind hier: qualifizierte Planungs- und Controllingprozesse.

4. Technologie
Welche Technologien werden eingekauft/eingesetzt? Wird eine eigene Technologie entwickelt und kann sie zu einem späteren Zeitpunkt fremdlizensiert werden, erhöht dies den Unternehmenswert und damit insbesondere die Attraktivität für Eigenkapitalinvestoren.

Welche Finanzpartner gibt es?

1. Family, Friends & Fools (FFF), Business Angels
Gerade für Kleinstproduktionen oder z.B. Browsergames, die in der Regel ein geringeres Produktionsbudget haben, kann die Ansprache von Privatinvestoren bereits ausreichen, um eine Gamesentwicklung vorzufinanzieren. Dies können möglicherweise Familienmitglieder oder Freunde sein, aber auch Business Angels. Vorteile sind die oft unkomplizierte Ansprache und die schnellen Entscheidungszyklen, Nachteil sind begrenzte Investitionssummen, Know-How und im Falle eines Scheiterns insbesondere bei privaten Kontakten die verschnupften Beziehungen.

2. Venture-Capital-Geber
VCs haben vor circa drei Jahren ihre ersten Investments im Games Bereich getätigt. Vorreiter waren unter anderem Aurelia, European Founders Fund oder Triangle; mittlerweile investieren insbesondere Internet- beziehungsweise Web 2.0-affine Investoren wie Holtzbrinck, Team Europe Ventures und weitere. Vorteile solcher Investoren sind die professionellen Prozesse und Kontaktnetzwerke der VCs sowie in der Regel genügend Kapital für Investitionen in weiteren Runden. Größter Nachteil ist die oft signifikante Abgabe von Anteilen und damit Einfluss und Gewinnmöglichkeiten.

3. Game Fonds
In Deutschland existieren nur wenige Initiatoren sogenannter Game Fonds, die in mehrere Spieleproduktionen investieren können. Insbesondere für professionell aufgestellte Teams mit umfangreichem Track Record kann diese Alternative sinnvoll sein. Vorteil einer Game-Fonds-Konstruktion sind die Größenordnung der möglichen Vorfinanzierung und ein in der Regel erfahrenes Projektmanagement und –controlling von Seiten des Fonds; Nachteil ist die hohe Abhängigkeit von der Gesamtperformance des Fonds (sowohl in der Investitions- als auch der Verwertungsphase) und der relativ hohe Weichkostenanteil bei Fonds (Vertrieb, Strukturierung, Management).

4. Banken
Auch die eher konservativen Bankvertreter öffnen sich zunehmend der Games-Industrie. Findet man einen guten Zugang zu einer Hausbank, kann man z.B. über eine Kontokorrentlinie Teile des Produktionsbudgets finanzieren. Die Hürden für eine reine Produktionsfinanzierung liegen dagegen immer noch recht hoch. Vorteile einer Bankfinanzierung sind auf Betriebsmittelebene die relativ schnellen Entscheidungszyklen und die Verbindung zu weiteren Finanzierungsmöglichkeiten (Factoring, Leasing, etc.). Nachteil ist das hohe Sicherheitsbedürfnis, das sich teilweise auch in die Privatsphäre der Gründer und Gesellschafter erstreckt.

5. Fördermittel
In Deutschland existieren derzeit um die 1.500 Fördermittelangebote, die von Unternehmen in Form von Zuschüssen, Darlehen oder Beteiligungen abgerufen werden können. Für Games-Unternehmen ist je nach Bundesland aber meistens nur ein Bruchteil davon interessant. Vorteil von Fördermitteln sind in der Regel günstige Konditionen (Zins, Tilgung) sowie die Möglichkeit, Investitionen aus anderen Quellen zu doppeln beziehungsweise zu hebeln. Der Nachteil liegt in der oft komplexen und langwierigen Beantragung.

6. Weitere
Eher klassische Finanzierungswege sind die Auftragsfinanzierung durch einen Distributor/Publisher bzw. das Co-Development mit einem weiteren Entwickler oder einem Distributor/Publisher.

Action Items im Vorfeld einer geplanten Finanzierung

1. Know your market!
In welchem Markt soll die Produktion platziert werden? Wie setzt sich der Markt derzeit zusammen, wie wird er sich entwickeln? Wie steht es um konkurrierende Ansätze?

2. Know your team!
Aufbereitung der Historie, bezogen sowohl auf das Studio als auf vergangene Produktionen. Sollte es sich um ein Newcomer-Team handeln, entsprechend gut aufbereitete Vita der Schlüsselpersonen.

3. Know what you plan and what you measure!
Saubere Aufbereitung der Planungsunterlagen, wiederum sowohl bezogen auf das Studio als auch auf die geplante Produktion bzw. die Produktionen.
Darstellung der geplanten Controllingsysteme und –abläufe.

4. Know who’s your finance partner?
Suche und Entscheidung für den je nach Vorhaben am besten geeigneten Weg zur Finanzierung der anstehenden Produktion.

Die Einschaltung eines erfahrenen Beraters kann sinnvoll sein, um insbesondere innovative Finanzierungsformen oder Mischformen zu finden sowie den Finanzierungsprozess strategisch zu planen und erfolgreich zum Abschluss zu bringen.

Dieser Text von Matthias Treptow erschien erstmalig am 20.10.2009 auf Gamebizz.de.

2 Kommentare zu „Finanzierung von Online Games“

  1. Enrico sagt:

    Aufschlussreicher Artikel, Vielen Dank

    VG
    Enrico


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